Lernen, wie Wissen entsteht
- Bettina Eiben Künzli
- 26. Feb.
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 13. März
26.02.2026
Eigentlich wollte ich einen Blogbeitrag über ein Zitat schreiben. Beim Lesen von Exploratives Lernen: Der persönliche Weg zum Erfolg von Verena Steiner bin ich auf einen Satz gestoßen, der mich sofort berührt hat:
„Nicht im Wissen liegt das Glück, sondern im Entdecken von Wissen.“
Er trifft genau das, wofür wir bei Learnovation stehen: der Prozess ist entscheidend, und das Ergebnis ist sein Zeuge.
Beim Schreiben kam die Irritation. Die Autorin bringt das Zitat mit Edgar Allan Poe in Verbindung. Ich wollte mich darauf beziehen. Was mir fehlte, war die Verifikation – Quellenangaben. Ich suchte, fand aber nichts. Das war bemerkenswert und führte zu Fragen: wurde das Zitat richtig zitiert, ist es korrekt zugeordnet, und wie entstehen solche Sätze, die sich über Zeit weitertragen? Und warum erinnert mich das alles an das Spiel „Stille Post“?
Plötzlich streifte mich die Erkenntnis, dass ich mitten im Thema war. Exploratives Lernen bedeutet nämlich nicht nur Neues zu entdecken, sondern zu verstehen, wie Wissen entsteht, sich verändert und weitergegeben wird.
Und genau das zeigte sich wenige Tage später in einer unserer festen Familienlerngruppen mit Migrationshintergrund.
Die älteren Kinder (9 und 13 Jahre) arbeiteten mit einem einfachen Frage-Antwort-Spiel. Es heißt „Erklärs mir, als wäre ich 5“. Ursprünglich geht es darum, komplizierte Sachverhalte einfach zu erklären, um das Allgemeinwissen zu fördern. Wir setzten den Fokus jedoch zunächst auf lautes Vorlesen, Beantworten und Gegenprüfen. Ziel war nicht die inhaltliche Tiefe, sondern das grundsätzliche Sprachverständnis. Schnell zeigte sich eine Herausforderung: wenn der eine nicht gut lesen und der andere dem Vorleser nicht folgen kann, entsteht Frust auf beiden Seiten. Das ist verständlich. Beide Kinder sprechen Deutsch als Zweitsprache, und Sprachverständnis ist ein Prozess. Es braucht Zeit, Übung und positive Erfahrungen. Damit die Kinder nicht aufgeben, braucht es zudem Motivation. Die älteren Kinder waren mit ihrem eigenen Spielfluss beschäftigt, während ich parallel mit dem dritten Kind (2. Klasse), das mit Sprache besonders ringt, arbeitete.
Die älteren Kinder (9 und 13 Jahre) arbeiteten mit einem Frage-Antwort-Spiel namens „Erklärs mir, als wäre ich 5“. Wir setzten den Fokus zunächst auf lautes Vorlesen, Beantworten und Gegenprüfen – nicht auf inhaltliche Tiefe, sondern auf Sprachverständnis. Schnell zeigte sich eine Herausforderung: wenn einer nicht gut lesen kann und der andere dem Vorleser nicht folgen kann, entsteht Frust auf beiden Seiten. Beide Kinder sprechen Deutsch als Zweitsprache, und Sprachverständnis ist ein Prozess. Es braucht Zeit, Übung und positive Erfahrungen. Damit die Kinder nicht aufgeben und sich in Streitigkeiten verlieren, braucht es jedoch auch Motivation.
Während die älteren Kinder mit ihrem eigenen Spielfluss beschäftigt waren, arbeitete ich parallel mit dem dritten Kind (2. Klasse), das mit Sprache besonders ringt. Dabei ging es zunächst um Struktur: Whiteboard statt Arbeitsblatt, Bewegung statt Druck, kleine Kärtchen zum Sortieren (Stunden, Monate, Jahreszeiten). Besonders das Whiteboard machte Spaß: wir suchten Wörter zum Begriff Familie, schrieben sie auf und kopierten sie. Ein kleiner, sichtbarer Erfolg.
Später spielten wir gemeinsam – mit den Großen und dem jüngeren Kind – eine Variante von „Eile mit Weile“. Das ist eine Modifikation von Mensch ärgere Dich nicht, die ich vor Jahren gemeinsam mit meinem Kind entwickelt habe. Wir holten das Spiel in den Raum. Statt Figuren nutzten wir seinerzeit Plüschtiere oder Wrestling-Figuren, und in der Lerngruppe wurden die drei Kinder selbst zu Spielfiguren. Auf dem Boden lagen Papierkreise als Felder. Manche Kreise trugen Anweisungen: „Ups, du bist gestolpert, du wirst eine Runde aussetzen“ oder „Hier liegt ein Glücksklee – du darfst noch einmal würfeln“.
Gewürfelt und weiterziehen durfte, wer richtig zuordnete, welcher Artikel zu einem Wort passt – „ist es der Auto, die Auto oder das Auto?“. Die Antworten schrieben die Kinder auf Mini-Hand-Whiteboards und zeigten sie mir. Der Sinn dahinter war Erfahrung und spielerisches Lernen: Regeln verstehen, Konsequenzen erleben, dabeibleiben, auch wenn es schwierig wird, und gemeinsame Erinnerungen schaffen. Die einzige Regel: nicht schummeln.
Als ein Regelbruch passierte, gab es einen Lernmoment, der uns alle betraf und dazu führte, dass wir spontan eine Konsequenz umsetzen – alles ging zurück auf Start. Keine Strafe, sondern Logik des Spiels. Ursache und Wirkung. Der Regelbruch entstand womöglich, weil sich der jüngste Junge (2. Klasse) benachteiligt fühlte. Es zeigte sich darin, dass er begann, die Antworten der anderen abzuschreiben. Nach Erinnerung und erneuter Aufforderung wurde das Spiel gestoppt und auf Anfang gesetzt. Das wiederum führte zu einem emotionalen Moment. Alle drei Kinder fanden es aus ihrer Perspektive unfair und machten ihrem Ärger Luft. Der jüngere Junge ging in die Verteidigung und sagte, er habe nicht geschummelt, und stieg aus dem Spiel aus. Es sah nach Rückzug einer "beleidigten Leberwurst " aus – zeigte sich aber als Verletztheit.
Ich erklärte allen drei Kindern, dass es eine Konsequenz war, keine Strafe, und dass im Leben Handlungen Folgen haben – für uns und manchmal auch für andere, unabhängig davon, ob sie uns gefallen. Die älteren Kinder verstanden das, der Jüngere war jedoch nicht mehr motivierbar. Wir gaben ihm Raum. Wir spielten weiter und zeigten ihm immer wieder, dass er willkommen ist und zurückkommen kann. Dass wir ihn mögen. Dass der Moment vergangen ist. Lernen ist Beziehung, Selbstbild und Zugehörigkeit – das wollten wir respektieren.
Was mich an dieser Situation bewegt: Lernen bekommt Bedeutung, wenn es erlebt wird – nicht als Pflicht, sondern als Erfahrung. An diesem Nachmittag ging es nicht primär um Grammatik, sondern darum zu erleben, dass Wissen gemeinsam entsteht. Dass Fehler dazugehören. Dass Regeln sinnvoll sind. Dass Verantwortung geteilt werden kann. Dass Sensibilität eine Stärke ist. Und dass in Gemeinschaften – egal welcher Größe – durch geteilte Momente Erinnerungen entstehen und Verständnis wächst.
Hier schließt sich der Kreis zum Zitat und meiner ersten Intuition. Denn nicht das gespeicherte Wissen macht stark – sondern das Verarbeiten von Informationen, das Verstehen im Prozess und die Anwendung im Erleben. Wissen ist kein starres Objekt. Es wird formuliert, interpretiert, vereinfacht (transformiert) und weitergegeben. Mit jeder Weitergabe verändert es sich – wie im Spiel „Stille Post“. Deshalb fördern wir bei Learnovation Systemverständnis und Prozesskompetenz.
Was sich jetzt aus dieser Geschichte schliessen lässt
Kritisches Denken heißt Neugier: Fragen stellen, Zusammenhänge prüfen, Verantwortung übernehmen. Selbstwirksamkeit bedeutet: ich kann denken, ich kann prüfen, ich kann mitgestalten, wie Wissen entsteht. In Co-Creation.
Der Weg vom Zitat zur Lerngruppe war kein Umweg – er war möglicherweise der Beweis.
Wie Wissen entsteht, sich verändert und weitergetragen wird, ist individuell. Es hängt vom Lernenden ab, von seiner Erfahrung und von seiner Fähigkeit, Wissen zu teilen, es anzupassen, mit Hilfe anderer weiterzuentwickeln und kritisch zu hinterfragen.
Das ist eine wichtige Kompetenz. Nicht weil Expert:innen sie neu entdecken, sondern weil wir es erleben müssen, damit es Bedeutung bekommt. Was Sinn macht, wird verknüpft – mit Erfahrung, Emotion und Beziehung. Dort wird aus Information Erkenntnis.
Exploratives Lernen bedeutet Erfahrung. Es bedeutet Verstehen. Es bedeutet Prozess. Und dieser Prozess wird sich im Laufe eines Lebens laufend wiederholen, damit er sich erneuern und Wissen überprüft und angepasst werden kann.





Kommentare