Was passiert eigentlich in 90 Minuten Lernbegleitung mit Kindergartenkindern?
- Bettina Eiben Künzli
- 27. Apr.
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 30. Apr.
2026–04–27
Ein Nachmittag.
Zwei Kinder.
90 Minuten Zeit.
Nicht für „Beschäftigung“.
Sondern für Beziehung, Sprache und Verstehen.
Unsere Learnovation-Lektion beginnt draussen.
Fünf Minuten Fussweg bis zur kleinen Emme bei der HSLU - hin zur Fussgängerbrücke. Vorbei an Pflanzen, Geräuschen – vor uns der Verkehr.
Bereits hier beginnt das eigentliche Lernen.
Was sehen wir?
Wie beschreiben wir es?
Was bedeutet „gegenüber“?
Ist das ein Flussabschnitt, eine Böschung, eine Mauer?
Was blüht denn da?
Sprachverständnis entsteht nicht am Tisch.
Es entsteht im Kontext.
Schreiben mit Bedeutung
An einer Mauer – dort, wo ohnehin Graffiti sind – holen wir die Strassenkreide hervor.
Wir schreiben: ABC. Zahlen. Hallo Mama. Hallo Papa. Hallo Oma. Hallo Opa.
Die Kinder lesen vor.
Und hier wird es interessant:
Lesen heisst nicht verstehen.
Viele Kinder können Buchstabenfolgen reproduzieren. Doch verstehen sie auch, was sie sagen? Können sie erklären, wer gemeint ist? Warum wir es schreiben? Was sich ändert, wenn wir ein Wort austauschen?
Wir arbeiten nicht an Buchstaben.
Wir arbeiten an Bedeutung.
Zwanzig Minuten genügen.
Konzentration braucht Rhythmus.
Lernen heisst auch: Haltung entwickeln
Auf dem Rückweg sprechen wir über Pflanzen.
Welche darf man essen? Welche nicht? Warum?
Dann tritt eines der Kinder Ameisen tot.
Ein kurzer Moment.
Ein pädagogisch entscheidender.
Wir halten inne.
Was bedeutet es, gross zu sein?
Was bedeutet Verantwortung?
Wie gehen wir mit kleineren Lebewesen um?
Wir moralisieren nicht.
Aber wir relativieren auch nicht.
Später beobachten wir die Ameisen erneut – es mögen Hunderte gewesen sein.
Gehen in die Hocke.
Schauen genau hin.
Werte entstehen durch Erfahrung – nicht durch Regeln allein.
Zurück im Raum: Selbstorganisation
Wieder bei Learnovation.
Die Kinder greifen selbständig zum Tiptoi-Zahlenroboter.
Keine Anweisung.
Kein Auftrag.
Ein Kind kennt das Spiel. Das andere nicht.
Peer-Learning entsteht von selbst.
Ich begleite.
Ich strukturiere den Rahmen.
Aber ich übernehme nicht.
Danach zählen wir gemeinsam bis 50.
Nicht als Test.
Sondern als gemeinsames Durchdringen von Struktur.
Was hier wirklich geschieht
In 90 Minuten verbinden sich:
Sprachverständnis
Begriffsbildung
mathematische Orientierung
Naturbeziehung
Werteentwicklung
soziale Kompetenz
Selbstwirksamkeit
Keine isolierte Förderung.
Kein künstlicher Kompetenzparcours.
Sondern ein relationaler Lernprozess.
Bei Learnovation verstehen wir Lernen nicht als Aneinanderreihung von Übungen, sondern als kulturellen Vorgang.
Kinder lernen, wenn sie in Beziehung treten: zur Sprache, zur Welt, zu anderen, zu sich selbst.
Und manchmal beginnt das alles mit einem fünfminütigen Weg zur kleinen Emme und etwas Strassenkreide.




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