Warum ich denke, dass Vermittlung nie ganz neutral ist
- Bettina Eiben Künzli
- 24. Feb.
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 26. Feb.
23.02.2026
In den letzten Tagen habe ich Material für eine Geschwistergruppe vorbereitet – drei Kinder, drei Altersstufen, drei völlig unterschiedliche Lernstände. Während ich am Tisch sass, Aufgaben umformulierte, Dinge vereinfachte, neu strukturierte und wieder verwarf, wurde mir bewusst, dass man von aussen vermutlich nicht sieht, was hier eigentlich passiert. Man sieht am Ende ein paar Blätter auf dem Tisch. Vielleicht denkt man: Nachhilfe.
Aber das trifft es nicht wirklich.
Wenn ich vorbereite, überlege ich nicht nur, welche Aufgabe fachlich passt. Ich frage mich, wo dieses Kind gerade steht. Nicht nur im Stoff, sondern innerlich. Wo entsteht Druck? Wo entsteht Widerstand? Wo ist vielleicht längst Verständnis da, das sich noch nicht zeigen konnte? Jedes Kind braucht einen anderen Zugang. Das eine braucht Klarheit und Struktur, das andere einen spielerischen Einstieg, das dritte vor allem Sicherheit, um sich überhaupt auf eine Aufgabe einzulassen. Und das braucht zwei Dinge: Raum und Zeit.
Natürlich könnte ich allen Kindern mehr oder weniger dasselbe Material geben. Das wäre schneller. Aber es würde dem Einzelnen nicht gerecht werden. Also entsteht jede Vorbereitung aus einem Prozess: beobachten, einschätzen, anpassen. Lernen beginnt für mich nicht in der Stunde, sondern lange davor.
Und es ist auch nie gleich. Manchmal braucht es wiederholende Aufgaben, weil Sicherheit durch Wiederholung entsteht. Manchmal sind es klassische Arbeitsblätter, weil ein klarer Rahmen hilft, Gedanken zu ordnen. Manchmal entstehen Aktivitäten, Bewegungsmomente oder ein spielerischer Zugang. Und manchmal arbeiten wir in einer kleinen Gruppe, weil Kinder voneinander lernen, sich gegenseitig erklären und merken: Ich bin nicht allein mit meiner Frage. Es geht nicht darum, immer etwas Besonderes zu machen. Es geht darum, das Passende zu wählen.
Viele Kinder kommen mit einem inneren Satz: „Ich verstehe das nicht.“ Manchmal sagen sie ihn laut, manchmal spürt man ihn einfach. Und oft stimmt dieser Satz nicht wirklich. Was fehlt, ist kein Können, sondern ein Zugang. Wenn sich dieser Zugang öffnet und plötzlich ein „Ah, jetzt verstehe ich es“ im Raum steht, dann verändert sich etwas. Die Haltung wird aufrechter. Der Blick wacher. Und genau dieser Moment ist entscheidend, weil er Selbstwirksamkeit entstehen lässt.
Sprache als kultureller Zugangsschlüssel und Träger von Werten
Ein Zugangsschlüssel ist für mich immer Sprache. Und vielleicht verstehen wir Sprache oft zu reduziert. Wir behandeln sie wie ein Werkzeug – als Mittel, um Informationen auszutauschen oder Aufgaben zu lösen. Wer sie „beherrscht“, so heisst es dann, ist im Vorteil.
Aber Sprache ist viel mehr als ein Werkzeug. Sie ist ein Kulturgut. Eine lokal gewachsene Allmende. In ihr stecken Werte, Haltungen, Selbstverständlichkeiten und Logiken. Wie wir sprechen, prägt, wie wir denken, fühlen und handeln – und folglich auch, wie wir einander begegnen.
Wenn ein Kind mit Sprache ringt, ringt es oft nicht nur mit Wörtern. Es ringt mit Zugehörigkeit, mit Sicherheit, mit dem Gefühl, gemeint und wahrgenommen zu werden. Eloquenz öffnet nicht nur den Zugang zu Bildung. Sie öffnet den Zugang zu Teilhabe.
Und damit sind wir bei etwas, das mir wichtig ist: Sprache transportiert immer auch Werte. Wie wir erklären. Wie wir korrigieren. Wie wir Fragen stellen. Ob wir sagen: „Das ist falsch“ oder „Schau noch einmal hin.“ Ob wir Druck aufbauen oder Neugier wecken.
Ich bin überzeugt, dass Kinder Mathematik nicht „einfach nicht verstehen“. Oft verstehen sie die Art nicht, wie sie vermittelt wird. Wenn Mathematik als Aburteilung des eigenen Könnens daherkommt, verschliesst sich etwas. Wenn sie als Muster, als Zusammenhang, als logisches Spiel erfahrbar wird, entsteht hingegen Zugang.
Das gilt nicht nur für Mathematik. Es gilt für jede Form von Lernen. Vermittlung ist nie neutral. Sie trägt Haltung in sich.
Und genau deshalb gehört für mich die bewusste Auseinandersetzung mit Sprache und Werten zu unserer Arbeit dazu. Nicht moralisch belehrend, sondern im Alltag: im Tonfall, in der Wortwahl, in der Art, wie wir miteinander umgehen – und in der Frage, wie anwendbar das Gelernte im echten Leben wird.
Gerne lernen
Ich glaube nicht an Lernen unter Druck. Ich glaube an Erfahrung. An das Begreifen von Zusammenhängen. An Aufgaben, die fordern, aber nicht überfordern. Das hat nichts mit Beliebigkeit zu tun. Es ist strukturiert, durchdacht und bewusst gestaltet – aber immer mit Blick auf das Kind, nicht auf ein starres System.
Vielleicht erklärt das auch, warum ich einen klassischen Nachhilfeansatz nicht wirklich leben kann – und warum unser Preismodell so ist, wie es ist. Hinter jeder Stunde steht mehr Arbeit, als sichtbar wird: Vorbereitung, Anpassung, Reflexion. Gleichzeitig soll Bildung zugänglich bleiben. Das solidarische Modell ist für Suji und mich keine Strategie, sondern eine Haltung. Menschen sind unterschiedlich, Lebenssituationen sind unterschiedlich – und darauf reagieren wir. Gute Arbeit hat einen Wert, aber sie darf nicht exklusiv werden. Genauso wenig sollte man sie geringschätzen.
Learnovation ist deshalb kein Ort, an dem Kinder „repariert“ werden. Es ist ein Raum, in dem sie erfahren dürfen, dass Verstehen möglich ist. Dass sie denken können. Dass sie wachsen können. Und dass Lernen nicht gegen sie arbeitet, sondern mit ihnen.


Kommentare